Wieder einmal befasst sich ein Buch aus der Neurobiologie mit der Frage, wie groß der Unterschied zwischen Männlein und Weiblein denn tatsächlich ist. Die Antwort dieses Mal: eher klein. Die Antwort vor 5 Jahren: groß und bedeutsam. Die Antwort vor 3 Jahren: auch groß.
Die US-Neurobiologin Lise Eliot ist Autorin des neuen Unterscheidungs-Buches “Pink Brain – Blue Brain“. Eine ihrer Kernthesen: Es gibt Unterschiede zwischen den Gehirnen von männlichen und weiblichen Säuglingen, aber die sind eher klein. Erst wegen der Reaktionen und Prägungen durch ihre Umwelt werden daraus unüberbrückbare Gräben. Weil wir auf das Mädchen als Mädchen ragieren, es pink einkleiden und ihm Puppen zum Spielen geben, wird es zum Mädchen, es erfüllt damit quasi eine Maßgabe der Umwelt. Es fügt sich in sein Geschlecht. Gleiches gilt für Jungs mit Fußbällen und Baggern. Diese Annahmen sind weder neu noch revolutionär, schon Simone de Beauvoir formulierte sie 1949: “Man kommt nicht als Frau zur Welt, sondern wird dazu gemacht.” Es war wohl einfach mal wieder Zeit, etwas Gewicht auf diese Seite des Geschlechterkahns zu packen, damit der nicht auf der Unterschiedsseite kentert. Und doch erstaunt mich ein Satz von Frau Eliot. Sie sagt:
„Sex-Unterschiede sind eben einfach sexy.“
Natürlich wollen wir uns unterscheiden und abgrenzen. Aber das tun wir doch in erster Linie, um unsere Zugehörigkeit zu etwas anderem zu signalisieren. In erster Linie will der Mensch sich nicht abspalten, sondern irgendwo dazu gehören. Und die Identifikation mit dem eigenen Geschlecht ist da eine perfekte Möglichkeit: wenig Aufwand, große Gruppe. Man muss sich nicht erst mit Fanartikeln eindecken oder eine Dauerkarte kaufen oder einen Aufnahme-Antrag stellen, man ist einfach dabei und gehört dazu. Und vielleicht, nein: sogar ganz sicher fühlen sich ein paar Milliärdchen Menschen damit nicht ganz schlecht. Was ist der Grund dafür, dass diesen Menschen klargemacht werden soll, dass sie nur einem Konstrukt anhängen? Dass sie in einer globalen Sex-Matrix gefangen sind? Aus welchem Traum sollen wir erwachen – und was ist die Realität, die wir dann sehen?
Ich finde es immer ein wenig befremdlich, wenn auf Teufel komm raus nach Belegen dafür gesucht wird, dass Männer und Frauen doch irgendwie gleich sind. Ich frage mich: Was soll am Ende für eine Erkenntnis stehen? Angeblich ist das Genom der Kuh zu 80 Prozent mit dem des Menschen identisch. Bin ich jetzt fast eine Kuh? Könnte ich durch Einflüsse meiner Umgebung komplett zur Kuh werden? Oder ein Schimpanse (98,7 Prozent Gleichheit)? Dürfte ich als Schimpanse eine Kuh heiraten? Alles sehr schwierige Fragen.
Nun sind Mann und Frau beide Menschen und somit in diesem Sinne mutmaßlich genetisch zu 100 Prozent identisch – aber eben doch nicht gleich. Was nützt mir also die Information, dass ihre Gehirne nach der Geburt kaum Unterschiede aufweisen und erst durch die Umwelt in eine bestimmte Richtung gelenkt werden? Wird ein Mädchen, das mit Baggern spielt, ein Junge? Oder ein Mann? Müssen alle Babys mit Baggern und Puppen spielen? Heißt das, dass Babys in keinem Falle in die klischeemäßig korrekte Richtung gelenkt werden wollen? Und darum auch nicht sollten? Vielleicht würden sie es ja wollen, wenn sie schon etwas wollen könnten. Wer sagt, dass Babymädchen pinkfarbene Mützchen nicht ausstehen können? Und womit spielen eigentlich Kuhbabys? Werden sie Schimpansen, wenn sie mit Bananen gefüttert werden? Wird eine Kuh auf unzulässige Weise in eine Nicht-Schimpansen-Richtung gedrängt, wenn man sie mit Gras füttert? Müssten nicht alle Kühe zugleich mit Bananen und Gras versorgt werden?
Eine Forschung folgt, so glaube ich, in vielen Fällen einer Vision. Wenn die Forschung in gesellschaftlich so relevante Bereiche vordringt, frage ich mich, wie wohl die Vision dahinter aussieht. Wie soll ich mir eine Welt vorstellen, in der alle Babys ohne jegliche geschlechtliche Prägung heranwachsen? Werden sie von Maschinen erzogen? Oder von maskierten Männern und Frauen mit Sprachverzerrer-Stimmen? Gehen die Jungs und Mädels mit 18 zum ersten Mal wählen und machen ihr Kreuzchen bei “Mann” oder “Frau”? Was ziehen sie am Wahltag an – Hose oder Rock? Und was verrät das über ihr Wahlverhalten? Müsste man sich an dieser Stelle nicht für das Wahlrecht mit 16 stark machen? Müssten die Babys nicht bereits mit 12 wählen dürfen, oder mit 11 oder 13, oder wann auch immer Schimpansen heute in die Kuhbertät kommen? Was sagt uns an dieser Stelle das wachsende Phänomen der Nicht-Wähler?
Natürlich spricht aus all diesen Es-gibt-keinen-Unterschied Forschungen eine Sehnsucht nach Gleichheit, auf politischer und gesellschaftlicher Ebene absolut richtig und erstrebenswert – nur darf biologische Gleichmacherei die Folge sein? Warum darf es Multi-Kulti geben, aber nicht Multi-Sexi? Es geht doch, wie gesagt, nicht einfach darum, sich vom anderen Geschlecht abzugrenzen, sondern in erster Linie darum, sich im eigenen wohl fühlen zu können. Und warum, liebe NeurobiologInnen, entscheidet sich die Geschlechtlichkeit eigentlich ausgerechnet im Gehirn?
Selbstverständlich spricht auch aus den Es-gibt-sehr-wohl-Unterschiede-Forschungen etwas: Das Bedürfnis, die Welt einzuteilen, in Schubladen einzuordnen, Kategorien zu schaffen und sich und die Welt zu sortieren. Beide Bedürfnisse sind zutiefst menschlich. Also bitte, machen Sie weiter mit Ihrer Bedürfnisbefriedigung, liebe Forscher. Beide Modelle verkaufen sich schließlich bei verwirrten Menschen auch extrem gut.
Genau so wie die Bibel.